Programmierte Verführung
Cornelia Sollfranks Netzkunstgeneratoren testen das Autorenmodell
Ute Vorkoeper, Hamburg 1999/2003
Cornelia Sollfrank sind die vertrauten Künstlerrollen - die bewussten wie die unbewussten - suspekt. Sie beobachtet, wiederholt und re-inszeniert lieber das, was um sie herum geschieht und borgt ihre Autorität von den markt- und technikgläubigen Vorbildnern unserer Zukunft. Unablässig folgt sie dafür den gepflegten, perfekt gestylten, bescheidenen Experten, Werbefachleuten, Beratern und Beraterinnen, die immer und überall für uns da sind. Gleichförmig, namenlos und fast körperlos sind sie in all unsere Lebensbereiche eingedrungen, bilden sie für uns vor und bieten Musterlösungen für ein zeitgemäßes Social und Personal Engineering an, die uns in ein erfolgreiches, glückliches und effizientes Leben führen werden.

Sollfrank raubt ihr Styling, übernimmt ihre Gesten, verwendet ihre Welt-Bilder und erprobt ihre Strategien der Weltbildung. Sie ist Managerin, Werbestrategin, Veranstalterin und Consulterin, spielt alle Rollen, die ihr Erfolg versprechen. Dann wieder wechselt sie kurzzeitig die Seiten, wird zur Trickbetrügerin, Hackerin oder revolutionären Cyberfeministin.

Dabei spielt sie immer auch mit der Faszination, die von den übernommenen Rollen oder den gewählten Klischees ausgeht, und leugnet die Verführungskraft nicht, die vor allem die gepflegten Beraterinnen, die neuesten Technologien und die virtuellen Bildwelten auf sie ausüben. Mit Leidenschaft studiert sie neue Broschüren der IT-Branche und zeigt begeistert ihre Lieblingsbilder: adrette und nette Frauen vor neuesten Computermodellen, eine monumentale Satellitenschüssel vor romantischem Abendhimmel, findige Visualisierungen von Datenautobahnen.

In den Posen und Strategien der Experten, Dienstleister und Berater ebenso wie in denen der unbedarften aktionistischen Gegner hat sie für sich die effektivsten Mittel erkannt, um heute präsent zu sein und sich Gehör und Gefolgschaft zu verschaffen. Dabei wechselt sie die Medien und richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen, bespielt die verschiedensten Institutionen und Szenen, um eigene Kampagnen durchzuführen. Perfekt kostümiert erscheint sie auf Straßen, in Kunsträumen, in Clubs, auf Messen, im Internet und verleitet ihre Zuschauer, Zuhörer und Gesprächspartner mit geklauten oder nachgestellten Bildern und Texten.

Was sich wie die modische Mischung zeitgemäßer Kritiken am Autoren- oder Künstlermodell anhört, erweist sich als komplexes Ineinander aus Täuschung und Enttäuschung, Verführung und Verantwortung. Sollfranks künstlerische Programme verdoppeln unscheinbare Machtbeziehungen und verborgene Mechanismen, um Produktion, Anwendung und Verantwortung im Netz zu erproben. Die später verführten oder überführten UserInnen werden bei der Anwendung die Frage nach den Machern, den Verantwortlichen, nach den eigenen und anderen Zielen nicht mehr los.

Die Idee, einen Programmierer mit der Entwicklung eines ersten "automatischen" Netzkunstgenerators zu beauftragen, kam ihr, weil sie einen eklatanten Mangel an traditionellen Autoren vorhersah. Selbstverständlich erwartete sie, dass sich kaum Autorinnen von Netzkunst bei einer Ausschreibung der Hamburger Kunsthalle für einen Netzkunstpreis bewerben würden. Mit dem Generator schaffte sie schnelle Abhilfe. Sie ließ ihn wieder und wieder das World Wide Web durchwühlen und Fundstücke von irgendwelchen Webseiten zu neuen Seiten zusammenstellen. Den automatischen Erzeugnissen wies sie international gängige Frauennamen zu, transferierte sie dann elektronisch und scheinbar aus aller Welt kommend an die Kunsthalle und spekulierte vermessen auf einen nächsten Automatismus: Im Kunstkontext bewirkt die Kombination von "etwas" und einem "Namen", dass das Etwas zum Werk und umgekehrt aus dem Namen ein Künstler wird.

Wenn diese Formel im 20. Jahrhundert nur bedingt für Frauen galt, dann sollte es Cornelia Sollfrank mit female extention erstmals gelingen, dass sie bedingungslos angewendet wurde. Alle 288 eingesetzten Frauennamen wurden anstandslos als Künstlerinnen anerkannt. Zwar sollte keine eine Auszeichnung erhalten, aber eine Presseerklärung des Museums verkündete stolz die hohe weibliche Beteiligung als besonderen Erfolg. Das nun ist symptomatisch. Sicherlich hatte der auf die Suchmaschinen Lycos und Excite ausgerichtete Generator für unterschiedliche Suchbegriffe auch unterschiedliche Text-Bild-Mischungen erstellt und jede eingereichte Seite sah anders aus. Aber der fachmännischen Kunstjury hätte auffallen müssen, dass alle Web-Collagen nach einem einzigen Programm gestrickt waren. In Kunst und Kunstgeschichte nennt man so was "ästhetisches Programm" - und sucht danach.

Dass die Hamburger Experten die signifikante Ähnlichkeit der Seiten übersahen bzw. einfach übergingen, mag sicher daran liegen, dass sie künstlerische Arbeit in Neuen Medien mit Unbedarftheit oder mit der Betriebsblindheit betrachteten, mit der man Fragen nach Autorenschaft, Zuschreibung und Verantwortung im Netz immer wieder begegnet.

Cornelia Sollfranks dreiste Verwendung wirksamer Automatismen trifft Männer wie Frauen gleichermaßen. Der unerkannt gebliebene Überschuß an Nicht-Autorinnen tut ebenso nachhaltig weh, wie der reale Mangel an Autorinnen. Und die Verantwortung hierfür ist geteilt. Sie liegt bei denen, die fraglos (ästhetische) Programme anwenden oder sich von ihnen anwenden lassen, anstatt ihre Bauprinzipien, Linien und Ziele zu erkunden. Wie bei denen, die in lieben alten Gewohnheiten verfangen mit den gängigsten Programmen nicht zu brechen vermögen und bloße Anwendung schon als Produktion missverstehen. Die blindlings Ziele erfüllen, anstatt für eigene Ziele andere Programme zu entwerfen.


A smart artist makes the machine do the work

Deshalb hat Sollfrank ein weiteres Experiment gestartet, das UserInnen die Neuordnung des Konzepts "Autor" am und im Netz testen läßt. Diesmal fungiert sie als fragwürdige, gewinnsüchtige Auftraggeberin von mehreren Programmierern, deren Programme in Anwendung immer neue Kunstwerke zu produzieren versprechen.

Alle ihre Netzkunstgeneratoren arbeiten nach demselben Schema: In ein erstes Feld werden ein oder mehrere Suchbegriffe eingegeben und in ein zweites Feld der echte oder erfundene Autorenname. Während nag_01 und nag_03 dann in Windeseile jeweils eine neue Website erstellen, nag_01 grafikorientierter, nag_03 bildorientierter, legte der Generator nag_02 nach einer halben Stunde Arbeit eine komplexe Website mit zahlreichen Links vor . Alle Generatoren sprechen verschiedene Suchmaschinen an und nag_02 basiert auf der sogenannten dada-Engine . Die vier ProgrammiererInnen haben für denselben Auftrag ziemlich verschiedene Programmlösungen vorgelegt.

Angesprochen vielleicht durch die beiläufige Ästhetik und in einer reichlich diffusen, passiven Kreativität lassen wir die virtuellen Kunstmaschinen suchen, aneignen und mischen. Das macht Spaß und nicht von ungefähr sind die Archive der drei Generatoren in kurzer Zeit schon beachtlich angewachsen. Täglich wenden sich neue BesucherInnen an die automatischen Kunstproduzenten, die auch für dieselben Begriffe stets neue, aktuelle Collagen oder Seiten finden. Und jede/r UserIn der Netzkunstgeneratoren darf sich für das wachsende Archiv als Autor/Autorin von Webseiten angeben, die nach seinem/ihrem Input generiert wurden. Allerdings bleiben die meisten lieber anonym.

Gleichzeitig assistieren alle AnwenderInnen der Künstlerin, die Seite um Seite, Bild um Bild unter ihrem Namen sammelt, manches dann belichtet, hinter Glas rahmt und an Galeriewände hängt. So zu sehen gewesen zum Beispiel in Bremen, in der Städtischen Galerie, in der Galerie 21 in Malmö oder in der Ausstellung Generator in der Minories Art Gallery in Colchester, GB. Neuerdings können einige besonders gelungene Werke sogar von den Gästen einer Hamburger Nobelherberge bewundert werden. Wenn hier ihr Name unter den automatisch generierten Bildern steht, folgt das zunächst dem Gestus Duchamps und der Bosheit von Broodthaers. Doch die Anlage des Generatorenprojekts ist paradoxer. Neben den Bildern steht die Bild-Maschine im Ausstellungsraum und es führen sich - neben der Definitionsmacht des institutionellen Rahmens - die Rollen von Künstlerin und AnwenderInnen in Anwendung vor. Einerseits wird hier klar mit bestehenden Kategorien und Hierarchien gebrochen, andererseits aber bleiben sie klar installiert und werden ungeniert ausgenutzt.

Nebenbei stellen wir endlich fest, dass wir (Kunst-)Produktion schon längst mit Wiederholung, Anwendung, Diebstahl, Zitat, Aneignung und Mischung gleichgesetzt haben. Und dass wir am liebsten für nichts die Verantwortung übernehmen, gerne anonym bleiben. Bereitwillig fügen wir uns den jeweiligen ästhetischen Vorstellungen verschiedener Programmierer. Wenn die Ergebnisse am Ende ähnlich bleiben und unsere anfängliche Freude über die bunten automatischen Hervorbringungen in Langeweile oder Verblüffung umgeschlagen ist, dann ist es bereits zu spät. Da haben wir schon den nächsten Programmschritt erfüllt. Wir haben Inputs geliefert und Ergebnisse erzielt, die sich die Künstlerin aneignen wird. Diesen Hinweis gibt ihr aktueller Marketingspruch: "A smart artist makes the machine do the work". Doch verschweigt sie die ganze Wahrheit: "A smart artist orders programs which make the user do the work". Die Generatoren und ihre UserInnen arbeiten brav am Mythos und mehren Cornelias Sollfranks Ruhm.

Im Hintergrund hören wir sie lachen, denn jetzt haben wir das ganze künstlerische Programm erfüllt. Es verspricht Spiel und Spaß, doch es macht uns unweigerlich zu Komplizen einer Künstlerin, die mit unserer Hilfe unendlich viele Bilder aus dem Netz einsammelt. Später einmal wird sie die automatisch generierten Ergebnisse zu den von uns gelieferten Stichworten als Salon präsentieren. Selbstverständlich unter ihrem Namen. Für die, die ihr dabei helfen wollen: http://soundwarez.org/generator