Annette Schindler
Vorwort
Ermöglichen die neuen Medien, einfacher und effizienter zu lügen und zu betrügen, Falschinformationen zu verbreiten und Machtstrukturen zu unterlaufen? Oder schaffen sie ein grundsätzlich neues Verhältnis zwischen Realität und Fiktion, zwischen Imagination und Physis, zwischen Senden und Empfangen? Kam die Postmoderne nicht schon lange vor der Verbreitung des Internets zu der Überzeugung, dass es keine singuläre Wahrheit gibt, sondern lediglich multiple Perspektiven und graduelle Abstufungen zwischen Wahrheiten?

Cornelia Sollfrank kam schon früh zu der Einsicht, dass sie "diese langweilige und unschöne Realität etwas manipulieren muss". Seit Mitte der 90er Jahre erforscht die Hackerin, Cyberfeministin und Netzkünstlerin die weltweiten Kommunikationsnetze und überträgt künstlerisch-subversive Strategien der klassischen Avantgarden ins digitale Medium. Dabei ist es ihr besonderes Anliegen, neue Formen von Autorschaft zu erproben, künstlerische Verfahren der Aneignung weiterzuschreiben und Mythen um Genialität und Originalität zu dekonstruieren. In jüngster Zeit mischt sie sich mit künstlerischen Beiträgen in die Copyright-Diskussion ein.

In der vorliegenden Monografie durchleuchten die Theoretiker/-innen Sarah Cook, Florian Cramer, Verena Kuni und Ute Vorkoeper Cornelia Sollfranks schwer durchschaubare künstlerische Strategien; Kuratoren, Kollaborateure und "Opfer" der Künstlerin kommen ebenfalls mit kurzen Statements zu Wort.

Eines von Sollfranks zentralen Themen ist das Hacken, das Manipulieren von Codes und das Eindringen in (soziale) Systeme. Florian Cramer widmet sich diesem Aspekt in Sollfranks künstlerischer Praxis, die sich bruchlos in die Kulturgeschichte im allgemeinen und in die Fragestellungen der Konzeptkunst im speziellen einfügen lässt. Die weit gefächerten Strategien der "Trickbetrügerin" Sollfrank sind Thema des Textes von Ute Vorkoeper, die ein schillerndes Porträt der Künstlerin, jenseits eines medienspezifischen Ansatzes, entwirft. Sarah Cook führt aus, in welch komplexem Verhältnis die Medienkunst sich zur Technik und Wirtschaft, zu den Machtstrukturen der Museen, des Kunstmarkts, der Rezeption und zur Ästhetik befindet. In einem Interview entlockt Cornelia Sollfrank dem Programmierer Richard Leopold Informationen über die tieferen Schichten des von ihm programmierten Netzkunstgenerators nag_05 und dessen strukturelle Verwandtschaft mit Dada. Verena Kuni schließlich führt eine kleine Kollision kursierender Datenströme herbei und singt als halbautomatisch generierende Autorin eine ironische Ode an den Netzkunstgenerator. Ob Sollfrank versucht, sich durch den Einsatz von kunstproduzierenden Maschinen selbst abzuschaffen, oder ob dieser radikale Ansatz lediglich eine weitere Provokation darstellt, mit der sie in einem erstarrten Kunstsystem Aufmerksamkeit erregt, kann der Leser/ die Leserin ihrem eigenen Beitrag zum Thema "Autorschaft" entnehmen.

Während Sollfranks Netzkunstgeneratoren weiter unablässig für sie und unter ihrem Namen Kunst im Internet generieren, wird diese Printpublikation sicherlich dazu beitragen, ihren Status nicht nur als Klassikerin der Medien- und Netzkunst, sondern auch als eine bemerkenswerte Figur der zeitgenössischen Kunst überhaupt zu etablieren.


Annette Schindler
Basel, Juni 2004